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Wer, wenn nicht wir?

Lasst uns gedenken

der Mauern, die trennen,

der Toten, die keine Rettung kennen.

Wer, wenn nicht wir?

 

Lasst uns gedenken,

des Unrechts wider Menschen,

Verleumdung, Schändung, Entehrung

Entrechtung, Entbehrung

Wer, wenn nicht wir?

Lasst uns gedenken,

der Kriege, Vertreibung

Mord und Verlust,

Wer, wenn nicht wir?

 

Lasst und kämpfen,

für eine Welt ohne Grenzen,

für Mauern, die fallen,

Hunger zu stillen,

für freien Willen.

Wer, wenn nicht wir?

 

Aus dem Tempel hinaus,

die selbstgefälligen Ignoranten,

Schacherer mit Rechten, Brandstifter, Rattenfänger. 

Lasst Euch nicht blenden, 

Solange Menschen verenden.

Wir müssen es wissen!

Wer, wenn nicht wir?

© Jo Hagen 2016

Fischsterben

Nach langer Zeit wieder einmal der Besuch im Dorf.  Eng zusammengerückt die Häuser der Bauern und Taglöhner. Das Schloss, die Mühle, das Wehr. Über dem Fluss die Mühle, in der die Turbinen Tag und Nacht wimmern. Unaufhörlich, das ganze Jahr. Wenn ich an das Dorf denke, habe ich immer das wimmern im Ohr. Nur bei Hochwasser verstummen die Turbinen. Dann rauschen die Wassermassen direkt über das Wehr.

Der graugrüne Fluss gleitet wie eine riesige verschiebbare Bühne dahin, bis der eiserne Rechen die Fläche wie ein Eierschneider zerteilt und die tosende Flut in seinen Schlund saugt, dann auf die rotierenden Schaufeln der Turbinenräder prallen lässt und unterhalb der Mühle als Gurgelndes Strudelndes, seine Richtung Suchendes wieder ausspeit.

Flaschen drehen sich trunken vor dem Rechen, ein verkanteter Ast steckt zwischen den eisernen Streben, ein Holzstamm der unaufhörlich Tauchversuche macht: auf und ab, auf und ab. 

Weisst Du noch damals, als wir hier standen und die ersten toten Fische angespült wurden? Zwei, drei, acht, zehn. Kilometerweit oberhalb, im Bahnschwellenwerk, hatten sie die Tanks für das Imprägniermittel gespült. Zwanzig, vierzig, sechzig. Den ganzen Tag haben wir Fische herausgezogen. Halbtote, gekrümmte, müde ihre weissen Bäuche nach oben schwimmende Fischleiber. Gelähmt hatten sie keine Kraft gegen die Strömung anzukommen und wurden mitgerissen. In den Orten oberhalb und unterhalb das Gleiche. Hundert, hundertzwanzig – irgendwann haben wir aufgehört zu zählen. Das ganze Dorf und die Angler aus dem Angelverein haben Wannen angeschleppt, die mit frischem, sauberem Wasser gefüllt wurden. Noch im Dunklen, bei Scheinwerferlicht haben wir verzweifelt versucht Fische zu retten; doch irgendwann wussten wir alle, wir schaffen es nicht. Aber einfach nach Hause gehen?  

Kein Fisch hat überlebt. Das Gift war zu stark und blockierte die Nerven, die Kiemen rosa blutig.  Erst gegen Mitternacht hörte es auf. Die lebensspendenden Schläuche mit Frischwasser und Sauerstoff konnten die wenigen, nur noch schwach zuckenden, Fische nicht retten und wurden abgedreht.

Der Journalist von der Lokalzeitung machte am nächsten Tag Fotos von uns und einer Wanne mit toten Fischen. Prachtexemplare, Waller und Hechte dabei, die waren… riesig. Die Turbine wimmerte dazu ihren Totengesang.

© Jo Hagen 15.09.2010

Besserwisser

Längst gewesen

längst gelesen

längst genossen

längst begossen

 

© Jo Hagen 2016

Am seidenen Faden

Der seidene Faden ist die Seele des Menschen. C.G. Jung

Es war in der dritten Klasse, als wir ein Aufsatzthema als Hausaufgabe bekamen. Damals entdeckte ich meine Fähigkeiten und schrieb, in kindlicher Naivität, darüber, wie ich meinem ertrinkenden Freund, der von einer kleinen Brücke über den reißenden Bach gestürzt war, lebensrettend zu Hilfe kam. In meiner Gedankenwelt reichte ein Bindfaden, den ich in meiner Hosentasche mitführte, aus, mich damit abzuseilen und meinen Freund zu retten.

Als ich den Aufsatz stolz meiner Mutter zeigte, lachte sie. Sowas kann man nicht schreiben, war der Kommentar. Das reichte ihr aber noch nicht. Beim Essen las sie den Text den anderen Familienmitgliedern vor, die sich ebenfalls köstlich über meinen Aufsatz amüsierten. Mir fehlte als Kind jedes Verständnis für das Lachen und es gab auch keine Erklärung dafür. Einziger Kommentar: Aber Fantasie hat er ja.

In diesen Zeiten konnte man mit Fantasie keine Mahlzeiten bezahlen. Ich musste einen neuen Aufsatz schreiben. Es hat lange gedauert, bis ich wieder etwas mit Freude geschrieben habe.

© Jo Hagen 2018

Lügenbrücke

Menschen haben Schwächen. Teils sind sie in den Genen verankert, teils werden sie durch Ereignisse oder durch Erziehung geprägt. Eine dieser Schwächen ist die Lüge. Zu lügen, ist wie über eine Brücke schreiten, und an ein anderes Ufer zu treten, von dem man nicht zurück kann, ist man einmal der Lüge überführt. 

Politiker lügen nicht, sie sagen die Unwahrheit. Am Telefon benutzt man eine Notlüge, der Berliner lügt auch nicht, er schwindelt. Lassen wir einmal den pathologischen Lügner beiseite, so sind auch Seemannsgarn und der Scherz, denken Sie an den Aprilscherz, Lügen, für die wir unsere Abstufungen kennen, auch wenn es immer auf das Gleiche, nämlich die Lüge hinausläuft. 

Mit den verschiedenen Ausprägungen der Verschleierungstaktik wissen Pädagogen, Psychologen und Kriminalisten umzugehen. Der Eine benutzt den Lügendetektor, der Andere beobachtet sein Gegenüber ob ihn Mimik oder Gestik verraten. 

Mit der Lüge habe ich meine eigene Erfahrung. Weiterlesen

Mein Trauma

Seit ich denken kann, verfolgen sie mich! Schon meine früheste Kindheit wurde davon überschattet und mein Leben wäre anders, gewiss glücklicher, verlaufen, wenn ich nicht so grausam und unsensibel schon als Kleinkind mit ihnen in Verbindung gekommen wäre. Diese großen, schwarzen oder braunen, narbigen, mit kalten Schlössern und Beschlägen, Bügeln und langen Riemen versehenen HANDTASCHEN.

Die erste Handtasche, an die ich mich erinnern kann war die meiner Großmutter. Sie hatte meist kleinere mit Schnappbügel, glattes oder krokodilhautartig genarbtes Leder, braun, grau oder schwarz. Öfter durfte ich meine Oma zu notwendigen Einkäufen in die Stadt begleiten. Die Konditorei, in der meine Oma sich eine Tasse Kaffee und ein Stück Frankfurter Kranz gönnte, war der krönende Abschluss der Einkäufe. Dann bekam ich eine Tasse Kakao mit einem Sahnehäubchen, und immer, wirklich immer, fragte meine Oma mich, bevor sie der Kellnerin zum bezahlen winkte: „Willst Du einen Bonbon?“ Ich habe niemals nein gesagt und mit verschwörerischer Miene öffnete meine Oma den Schnappverschluss und faltete Ihre kleine Handtasche auf. 

Heraus strömte ein Duftgemisch von 4711 und Fenchel- und Eukalyptusbonbons. Weiterlesen

Heinzelmännchen reloaded

Die wahre Geschichte der Heinzelmännchen von Köln

Damals, als im Siegerland und im Bergischen Land noch Erz geschürft wurde, eigneten sich die kleinen Männer gut, um tief in die niedrigen Stollen und engen Schächte einzusteigen.  Sie schleppten tagein, tagaus das ständig eindringende Wasser in Kübeln und Bottichen hinaus, das nannte man Heinzen. Es war eine Kunst, das Wasser zu beherrschen. Denn das Wasser konnte, sofern man es nicht aus den Gruben hinausbeförderte, kanalisierte und ableitete, insbesondere nach starken Regenfällen, die ganze Grube unbrauchbar machen. Dazu gab es die Heinze. Die Heinze waren Spezialisten, doch jetzt, mit den modernen, großen, von Pferden angetriebenen, hölzernen Zahnrädern, den Pferdegöpeln, wurden viel größere Mengen Wasser zuverlässiger und schneller aus der Grube schaffen. Ein Heinzemann nach dem Anderen wurde arbeitslos. 

Tief in einem Stollen saßen drei Heinzemänner zusammen und machten Pause. „Wir verhungern noch alle, wenn das mit den Rationalisierungen so weitergeht.“ sagte der Heinzemann mit der roten Nase. „Ja, in der Nachbargrube haben sie bereits alle Heinzemänner betriebsbedingt ohne Abfindung entlassen. Die sind in den Wäldern verschwunden und kratzen jetzt das Hartz IV von den Bäumen. Davon kann man nicht leben!“ sinnierte der Heinzemann mit den krummen Beinen. Weiterlesen

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