Autor: hanshagen_3 (Seite 2 von 2)

Sponsorentorte

1992 Frau Merkel schneidet bei der Eröffnung des Opernhauses in Chemnitz eine Torte an.

1992 Frau Merkel schneidet bei der Eröffnung des Opernhauses in Chemnitz eine Torte an. © Foto: Wuschansky

Oktober 2017: Jo Hagen trifft erneut Frau Merkel – diesmal bei Madame Tussaud

Oktober 2017: Jo Hagen trifft erneut Frau Merkel – diesmal bei Madame Tussaud in London

Das Opernhaus in Chemnitz war nach langem Umbau, mit Baustopp und Neuplanung, weil die Wende neue Möglichkeiten eröffnete, im Dezember 1992 fertig gestellt. Seit 1991 hatten wir an der Kommunikationskampagne gearbeitet. Die Stadt war in Erwartung der ersten Premiere im neuen Haus. Die Stadt und das Land Sachsen waren Stolz auf die neue Oper, die in den alten Außenmauern erstanden war. Die Stadt und das Land hatten ein Symbol des Neuanfangs. 

Die Plakate für den Parsifal waren geklebt, die eintausend Festgäste waren geladen, die Journalisten aus ganz Deutschland und dem benachbarten Ausland hatten sich angemeldet. Da kam mir eine Idee: Neben dem kalten Büffet zur Eröffnungsfeier würde sich noch eine mehrstöckige repräsentative Torte, vielleicht obenauf mit einem kleinen Opernhaus, sehr gut machen. Im Kontext der gesamten Maßnahmen ein kleines, aber liebenswertes Detail. 

Spontan griff ich zum Telefon und fragte beim Meister der Konditoreninnung an. Meine Idee fand die nötige Gegenliebe und ein persönliches Gespräch wurde vereinbart. Meine Erwartungen wurden in dem Gespräch noch weit übererfüllt, denn der Konditorenmeister war bereit, die Torte noch größer und schöner, mit noch mehr Stockwerken und einem Opernhaus in respektvoller Größe aus Marzipan anzufertigen.

Meine bange Frage, was das kosten würde, beantwortete er damit, dass er das als Übungsaufgabe für seine Lehrlinge sehe und die Torte als Sponsoring verstehe… ein Stein fiel mir vom Herzen, … aber er wolle ein Foto mit sich und einer Persönlichkeit, die diese Torte offiziell anschneidet. 

Ich versprach ihm, ich wolle mich darum kümmern, die Zeit für schriftliche Anfragen aber zu weit fortgeschritten sei, ich darum am Eröffnungsabend eine entsprechende Person finden müsse. Wir waren handelseinig.

Am Eröffnungsabend zeigte Sachsen, was es an neuem Glanz und Gloria zu bieten hatte. Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Kultur gaben sich ein Stelldichein. Damen mit edlen Roben und glitzernd bis gleissendem Schmuck, die Friseure hatten Überstunden geschoben. Die Herren standen in ihren dunklen Anzügen etwas gerader, als sonst und zogen die Bäuche ein. Der Chemnitzer Oberbürgermeister hatte einen neuen Smoking in sächsischem Grün bekommen, auf dem die Amtskette besonders gut zur Geltung kam. 

Und dann kam seine Majestät König Kurt, der sächsische Ministerpräsident Biedenkopf. Blitzlichter flammten auf, alle Augen richteten sich auf ihn und seine Frau, die Mitregentin. Ich ging auf Biedenkopf zu und begrüßte ihn. Dann bat ich ihn und seine Frau – bei Biedenkopf musste man immer seine Frau mit ins Boot holen, sonst lief gar nichts- nach der Parsifal-Premiere unsere Torte, die bereits in der oberen Etage des Vestibüls stand, anzuschneiden. Biedenkopf lehnte ab, er sei etwas indisponiert und fahre, wenn der Vorhang gefallen wäre, gleich heim. Dann ging er weiter, drehte sich aber auf den untersten Stufen der großen Freitreppe nochmals um und mit einer geringschätzigen, wegwerfenden Handbewegung sagte er zu mir „Kann Frau Merkel machen!“

Frau Merkel, als Referentin im Bundeskanzleramt, unscheinbar und für mich damals eine unbefriedigende Notlösung, machte es! 

In einer Konditorei in Chemnitz hängt ein Foto mit einem Zeitungsausschnitt, auf dem der Inhaber mit der heute amtierenden Bundeskanzlerin beim Anschneiden einer Torte im Dezember 1992 zu sehen ist. Sponsoring zahlt sich eben irgendwann aus!

© Jo Hagen 2009

Diese Geschichte wurde am 26.12.2010 in der Sendung >Spielart< des WDR, gesprochen durch Lutz Göhnermeier, ausgestrahlt. Ich danke dem WDR-Sprecherensemble für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung

Hier reinhören:

Roboter im Altenheim

Im Aufenthaltsraum des Altenheims sitzen die demente Frau Berger mit dem stets streitlustigen Herrn Koslowski. Hier wurde gestern ein kleiner weißer Roboter getestet, der die Menschen unterhalten und zum Mitmachen animieren sollte.

„Wo ist denn dieser nette Herr mit den weißen Haaren, von gestern?“, fragte versonnen Frau Berger.

„Das war ein Roboter, den setzen sie jetzt ein, damit sie noch mehr Personal einsparen können“, antwortet grantig Herr Koslowski, der sich immer durch zynische Bemerkungen auszeichnet.

„Blass war er, sah etwas krank aus. Aber man konnte sich nett mit ihm unterhalten.“

„Plastik, weisses Plastik von oben bis unten. Sah aus wie ein rundgelutschter Kühlschrank auf Rädern“, geiferte Herr Koslowski mit wegwerfender Handbewegung.

„Er hat schöne Geschichten erzählt …“, wispert verträumt Frau Berger.

„Ja, Märchen, als ob wir noch im Kindergarten wären. Wenn das hier die neue Betreuung ist …! Am Brunnen vor dem Tore singen. Ha! Vor dem Tore! Als ob die uns hier nochmal lebend rauslassen, aus unserem Ficas-Benjamini-Biotop. Ich war Programmierer bei IBM. Und jetzt muss ich mir von diesem dilletantisch programmierten Plastikzwerg Banalitäten anhören! Damals bei IBM ging die Post ab! Habe gut verdient, fuhr Porsche, hatte Weiber. Jetzt sitze ich in diesem verdammten Rollstuhl“, dabei schlug mit geballten Fäusten auf die Armlehnen.

Frau Berger, an der die grantigen Worte von Herrn Koslowski ungehört vorüberziehen, spricht verträumt vor sich hin: „Vielleicht kommt er ja heute wieder, er wusste alles und war so nett.“

„Der wusste nichts, reine Schau. Als Sie ihm über den Kopf gestreichelt haben, hat er gesagt, sie seien 35 Jahre alt und etwas traurig.“ Wieder ballt er die Fäuste und ahmt die silbenhaft abgehackte Stimme des Roboters nach: „Soll-ich-Ihn-en-was-vor-sing-en-oder-sing-en-wir-zu-samm-men-Hoch-auf-dem-gel-ben-Wa-gen?“

„Er hatte so traurige Augen …“, in Gedanken verloren sieht Frau Berger zur Tür.

„Kameras,“ schreit Herr Koslowski jetzt schrill, „Kameras, weil die alles aufzeichnen! Damit sie wissen, wo sie Personal einsparen können. Demnächst wechselt uns dieses Monstrum noch die Windeln. Nee, da lass ich keinen ran, außer Schwester Natascha. Wo ist die heute eigentlich? Oder haben sie die schon eingespart?“

„Er hat gesungen und gesagt, wir können uns ein Lied wünschen.“, träumt Frau Berger weiter.

„Ja, dann seien Sie mal vorsichtig, wenn der beim nächsten Mal schwarz ist und eine Sense über die Schulter trägt. >Der Mai ist gekommen< brauchen Sie dann nicht mehr wünschen. >Highway to hell< ist da eher angesagt.“ Ärgerlich greift Herr Koslowski in die Räder seines Rollstuhls und rollt aus dem Gemeinschaftsraum.

„Blass war er, sah krank aus, aber nett“, haucht Frau Berger.

Wer, wenn nicht wir?

Lasst uns gedenken

der Mauern, die trennen,

der Toten, die keine Rettung kennen.

Wer, wenn nicht wir?

 

Lasst uns gedenken,

des Unrechts wider Menschen,

Verleumdung, Schändung, Entehrung

Entrechtung, Entbehrung

Wer, wenn nicht wir?

Lasst uns gedenken,

der Kriege, Vertreibung

Mord und Verlust,

Wer, wenn nicht wir?

 

Lasst und kämpfen,

für eine Welt ohne Grenzen,

für Mauern, die fallen,

Hunger zu stillen,

für freien Willen.

Wer, wenn nicht wir?

 

Aus dem Tempel hinaus,

die selbstgefälligen Ignoranten,

Schacherer mit Rechten, Brandstifter, Rattenfänger. 

Lasst Euch nicht blenden, 

Solange Menschen verenden.

Wir müssen es wissen!

Wer, wenn nicht wir?

© Jo Hagen 2016

Fischsterben

Nach langer Zeit wieder einmal der Besuch im Dorf.  Eng zusammengerückt die Häuser der Bauern und Taglöhner. Das Schloss, die Mühle, das Wehr. Über dem Fluss die Mühle, in der die Turbinen Tag und Nacht wimmern. Unaufhörlich, das ganze Jahr. Wenn ich an das Dorf denke, habe ich immer das wimmern im Ohr. Nur bei Hochwasser verstummen die Turbinen. Dann rauschen die Wassermassen direkt über das Wehr.

Der graugrüne Fluss gleitet wie eine riesige verschiebbare Bühne dahin, bis der eiserne Rechen die Fläche wie ein Eierschneider zerteilt und die tosende Flut in seinen Schlund saugt, dann auf die rotierenden Schaufeln der Turbinenräder prallen lässt und unterhalb der Mühle als Gurgelndes Strudelndes, seine Richtung Suchendes wieder ausspeit.

Flaschen drehen sich trunken vor dem Rechen, ein verkanteter Ast steckt zwischen den eisernen Streben, ein Holzstamm der unaufhörlich Tauchversuche macht: auf und ab, auf und ab. 

Weisst Du noch damals, als wir hier standen und die ersten toten Fische angespült wurden? Zwei, drei, acht, zehn. Kilometerweit oberhalb, im Bahnschwellenwerk, hatten sie die Tanks für das Imprägniermittel gespült. Zwanzig, vierzig, sechzig. Den ganzen Tag haben wir Fische herausgezogen. Halbtote, gekrümmte, müde ihre weissen Bäuche nach oben schwimmende Fischleiber. Gelähmt hatten sie keine Kraft gegen die Strömung anzukommen und wurden mitgerissen. In den Orten oberhalb und unterhalb das Gleiche. Hundert, hundertzwanzig – irgendwann haben wir aufgehört zu zählen. Das ganze Dorf und die Angler aus dem Angelverein haben Wannen angeschleppt, die mit frischem, sauberem Wasser gefüllt wurden. Noch im Dunklen, bei Scheinwerferlicht haben wir verzweifelt versucht Fische zu retten; doch irgendwann wussten wir alle, wir schaffen es nicht. Aber einfach nach Hause gehen?  

Kein Fisch hat überlebt. Das Gift war zu stark und blockierte die Nerven, die Kiemen rosa blutig.  Erst gegen Mitternacht hörte es auf. Die lebensspendenden Schläuche mit Frischwasser und Sauerstoff konnten die wenigen, nur noch schwach zuckenden, Fische nicht retten und wurden abgedreht.

Der Journalist von der Lokalzeitung machte am nächsten Tag Fotos von uns und einer Wanne mit toten Fischen. Prachtexemplare, Waller und Hechte dabei, die waren… riesig. Die Turbine wimmerte dazu ihren Totengesang.

© Jo Hagen 15.09.2010

Besserwisser

Längst gewesen

längst gelesen

längst genossen

längst begossen

 

© Jo Hagen 2016

Am seidenen Faden

Der seidene Faden ist die Seele des Menschen. C.G. Jung

Es war in der dritten Klasse, als wir ein Aufsatzthema als Hausaufgabe bekamen. Damals entdeckte ich meine Fähigkeiten und schrieb, in kindlicher Naivität, darüber, wie ich meinem ertrinkenden Freund, der von einer kleinen Brücke über den reißenden Bach gestürzt war, lebensrettend zu Hilfe kam. In meiner Gedankenwelt reichte ein Bindfaden, den ich in meiner Hosentasche mitführte, aus, mich damit abzuseilen und meinen Freund zu retten.

Als ich den Aufsatz stolz meiner Mutter zeigte, lachte sie. Sowas kann man nicht schreiben, war der Kommentar. Das reichte ihr aber noch nicht. Beim Essen las sie den Text den anderen Familienmitgliedern vor, die sich ebenfalls köstlich über meinen Aufsatz amüsierten. Mir fehlte als Kind jedes Verständnis für das Lachen und es gab auch keine Erklärung dafür. Einziger Kommentar: Aber Fantasie hat er ja.

In diesen Zeiten konnte man mit Fantasie keine Mahlzeiten bezahlen. Ich musste einen neuen Aufsatz schreiben. Es hat lange gedauert, bis ich wieder etwas mit Freude geschrieben habe.

© Jo Hagen 2018

Lügenbrücke

Menschen haben Schwächen. Teils sind sie in den Genen verankert, teils werden sie durch Ereignisse oder durch Erziehung geprägt. Eine dieser Schwächen ist die Lüge. Zu lügen, ist wie über eine Brücke schreiten, und an ein anderes Ufer zu treten, von dem man nicht zurück kann, ist man einmal der Lüge überführt. 

Politiker lügen nicht, sie sagen die Unwahrheit. Am Telefon benutzt man eine Notlüge, der Berliner lügt auch nicht, er schwindelt. Lassen wir einmal den pathologischen Lügner beiseite, so sind auch Seemannsgarn und der Scherz, denken Sie an den Aprilscherz, Lügen, für die wir unsere Abstufungen kennen, auch wenn es immer auf das Gleiche, nämlich die Lüge hinausläuft. 

Mit den verschiedenen Ausprägungen der Verschleierungstaktik wissen Pädagogen, Psychologen und Kriminalisten umzugehen. Der Eine benutzt den Lügendetektor, der Andere beobachtet sein Gegenüber ob ihn Mimik oder Gestik verraten. 

Mit der Lüge habe ich meine eigene Erfahrung. Weiterlesen

Mein Trauma

Seit ich denken kann, verfolgen sie mich! Schon meine früheste Kindheit wurde davon überschattet und mein Leben wäre anders, gewiss glücklicher, verlaufen, wenn ich nicht so grausam und unsensibel schon als Kleinkind mit ihnen in Verbindung gekommen wäre. Diese großen, schwarzen oder braunen, narbigen, mit kalten Schlössern und Beschlägen, Bügeln und langen Riemen versehenen HANDTASCHEN.

Die erste Handtasche, an die ich mich erinnern kann war die meiner Großmutter. Sie hatte meist kleinere mit Schnappbügel, glattes oder krokodilhautartig genarbtes Leder, braun, grau oder schwarz. Öfter durfte ich meine Oma zu notwendigen Einkäufen in die Stadt begleiten. Die Konditorei, in der meine Oma sich eine Tasse Kaffee und ein Stück Frankfurter Kranz gönnte, war der krönende Abschluss der Einkäufe. Dann bekam ich eine Tasse Kakao mit einem Sahnehäubchen, und immer, wirklich immer, fragte meine Oma mich, bevor sie der Kellnerin zum bezahlen winkte: „Willst Du einen Bonbon?“ Ich habe niemals nein gesagt und mit verschwörerischer Miene öffnete meine Oma den Schnappverschluss und faltete Ihre kleine Handtasche auf. 

Heraus strömte ein Duftgemisch von 4711 und Fenchel- und Eukalyptusbonbons. Weiterlesen

Heinzelmännchen reloaded

Die wahre Geschichte der Heinzelmännchen von Köln

Damals, als im Siegerland und im Bergischen Land noch Erz geschürft wurde, eigneten sich die kleinen Männer gut, um tief in die niedrigen Stollen und engen Schächte einzusteigen.  Sie schleppten tagein, tagaus das ständig eindringende Wasser in Kübeln und Bottichen hinaus, das nannte man Heinzen. Es war eine Kunst, das Wasser zu beherrschen. Denn das Wasser konnte, sofern man es nicht aus den Gruben hinausbeförderte, kanalisierte und ableitete, insbesondere nach starken Regenfällen, die ganze Grube unbrauchbar machen. Dazu gab es die Heinze. Die Heinze waren Spezialisten, doch jetzt, mit den modernen, großen, von Pferden angetriebenen, hölzernen Zahnrädern, den Pferdegöpeln, wurden viel größere Mengen Wasser zuverlässiger und schneller aus der Grube schaffen. Ein Heinzemann nach dem Anderen wurde arbeitslos. 

Tief in einem Stollen saßen drei Heinzemänner zusammen und machten Pause. „Wir verhungern noch alle, wenn das mit den Rationalisierungen so weitergeht.“ sagte der Heinzemann mit der roten Nase. „Ja, in der Nachbargrube haben sie bereits alle Heinzemänner betriebsbedingt ohne Abfindung entlassen. Die sind in den Wäldern verschwunden und kratzen jetzt das Hartz IV von den Bäumen. Davon kann man nicht leben!“ sinnierte der Heinzemann mit den krummen Beinen. Weiterlesen

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